Zum Heft: 2 / 2017 Glück oder das gute Leben


Glück oder das gute Leben

Glück erwerben?

Der einzige Wunsch, den alle Menschen gemeinsam haben, ist, dass das Leben gut werde. Jeder möchte glücklich sein. Deshalb ist die eudaimonia, im Deutschen etwas unglücklich mit Glückseligkeit übersetzt, nach Aristoteles das, wonach alle streben, das höchste Gut. Unglücklich ist die Obersetzung, weil darin das Wörtchen »gut« (eu) fehlt und auch der andere Teil des Kompositums, »Geist« (daimon). In dem Begriff, der sich im Deutschen durchgesetzt hat, fehlt der Gedanke, dass der Weg zum Glück den Willen zum Guten einschließt, der sich, wie Aristoteles sagt, in der Tätigkeit der menschlichen Seele äußert. Mit anderen Worten: Auf das Glück kann man nur zählen, wenn man aktiv und einsichtig eine Haltung bei sich erzeugt, die sich im täglichen Tun dokumentiert; es muss klug, besonnen, tapfer und gerecht sein, außerdem aufrichtig, großherzig, freundlich und freundschaftlich zugewandt, das heißt insgesamt wohlwollend - und das alles am besten noch mit Lust und Freude (hedonai), nicht griesgrämig und gezwungen.

Nur dann ist das eigene Leben mit einem Geist erfüllt, der dazu prädestiniert, glücklich werden zu können. Überdies kann es, wiederum nach Aristoteles, nicht schaden, wenn es der gute Geist, unter dem das Leben unter der Voraussetzung der »tugendhaften« Haltung steht, schicksalhaft zulässt und dazu beiträgt, dass noch äußere Güter hinzukommen, wie eine vorteilhafte Geburt, Wohlstand und Gesundheit. Aber das ist nicht entscheidend. Unverzichtbar ist das, was man selbst zu einem guten Leben beitragen kann.

Glück beeinflussen?

Der eigene Einfluss erstreckt sich eben auf die Erzeugung der beschriebenen vernunftgeleiteten, nicht triebhaften Haltung, die, ein letztes Mal nach Aristoteles, in der Unabhängigkeit, Gelassenheit und Selbstdistanz des Philosophen gipfelt. Denn er ist fähig, ohne einen weiteren Zweck zu verfolgen, ob ökonomischer oder anderweitig instrumentalisierender Art, das zu betrachten, was ist (»Schau«, griechisch theoria).

Jahrhundertelang wurde darüber gestritten, ob es also nun ausreicht, »gut« zu sein, um auch glücklich zu werden (das sagen die Kyniker und Stoiker), oder ob es auf die Lust bzw. Verminderung der Unlust ankommt (Epikur und die Hedonisten), ob man überhaupt nicht das Glück, sondern nur die Moral erstreben solle, um dann auf jenes hoffen zu dürfen (Kant), oder ob grundsätzlich beides konfliktreich auseinanderfällt (wie in großen Teilen der modernen Ethik).

Glück erleben?

Wo stehen wir heute? Es hat den Anschein, dass nicht wenige Menschen Glück mit Konsum gleichsetzen oder anderweitig Ersatz für das fehlende Glücksgefühl suchen. Überhaupt ist es weit verbreitet, das Glück mit einem Gefühl gleichzusetzen. Man fühlt sich gut, wenn man dies oder das tut, zu sich nimmt oder erlebt. Für viele kommt es auf das Erleben an, wobei wohl gemeint ist, dass ein Erlebnis erzeugt wird, das man so schnell nicht vergisst, etwas »Sensationelles«, das, wie das Wort schon sagt, sinnlich stark empfunden wird und deshalb unvergesslich ist. Dafür gibt es Erlebnisparks, Erlebnisreisen und ein inszeniertes Erlebniseinkaufen. Das Leben ist eine party und voller fun, kurz: Es ist super.

Es ist billig, das zu kritisieren angesichts der Kürze des Lebens und des Leids, das Menschen erdulden müssen und das umso unerträglicher ist, wenn es von Menschen anderen angetan wird, und zwar mit voller Absicht. Sollte und muss man nicht das Leben genießen, solange es geht, solange man das »Glück« hat, nicht selbst von dem Leid betroffen zu sein? Denn das Ende des Genusses kommt unweigerlich, und wenn es kommt, kann man doch wenigstens von dem zehren, was man sich Gutes getan hat.

Glück ermöglichen?

Der Schlüssel zur Antwort auf die Frage nach dem Glück und dem guten Leben scheint in dem Begriff des Genusses zu liegen. Wenn der Genuss nur kurz ist und immer wieder gesteigert werden muss, um ihn überhaupt noch zu spüren (zu »erleben«), dann stimmt etwas nicht. Das macht unfrei. Beständiger Genuss andererseits ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Es liegt aber ein Genuss darin, sich von der Unfreiheit des Jagens nach dem kurzatmigen Genuss zu befreien. Es ist ein Genuss, sich freizumachen von Erlebniszwängen und stattdessen den Erlebnissen Raum zu geben, die ein selbst gestaltetes Leben bringt.

Bedingungen für die Ermöglichung solcher Selbstgestaltung für alle zu schaffen, ist das Ziel des »Fähigkeiten-Ansatzes« bzw. capability approach (vgl. Stefan Pink Gerechtigkeit und ihre Grenzen; in: EU 2/2015, S. 46ff.). Hier wird das Streben nach einem guten Leben als ein übergreifendes Menschenrecht mit den politisch, gesellschaftlich und kulturell zu schaffenden Bedingungen gerechter Strukturen verknüpft: gleiche Glückschancen als Maßstab für die Implementierung geeigneter Maßnahmen. Eine weitere, nicht zu unterschätzende Voraussetzung dafür ist das individuelle Einüben von Tugenden wie Wohlwollen, Großherzigkeit und Rechtschaffenheit, womit man doch wieder bei der antiken Philosophie landet.

Dennoch: Das Verhältnis zwischen Glück und Moral bleibt ein immer neu auszulotendes Spannungsfeld. Dieser Aufgabe einer Selbstvergewisserung über das Glück und das gute Leben widmen sich die Unterrichtsbeiträge.

Zu den Beiträgen

Richard Breun fragt in seinem Schwerpunktartikel nach den vielfältigen Bezügen zwischen Glück und gutem Leben und erkundet, inwiefern das moralische Gutsein zu einem guten, glücklichen Leben gehört. Mandy Haupt und Denise Heine begeben sich mit Schülerinnen und Schülern der Orientierungsstufe auf die Suche nach dem Glück, unter anderem mit den Märchen von Hans im Glück und vom Brunnen des wahren Glücks. Franziska Gasterstedt stellt ein Experiment vor, das mit der hedonistischen Tretmühle eine Erklärung liefert für den fatalen Effekt, den die Gewöhnung auf das Glück haben kann.

Nora Held stellt das Glück der Zielerfüllung dem Glück als Freiwerden von Bedürfnissen gegenüber. Im Rahmen eines Argumentationstrainings macht die Unterrichtsidee von Johannes Riegger Vorschläge, wie sich das gelingende Leben mit einem moralisch guten vereinbaren lässt. Elisa Schönfelder, Lea Ransbach, Janina Lenz und Jasmin Khader zeigen beispielhaft, dass die vieldiskutierte Eigenschaft der Resilienz Bestandteil eines gelingenden Lebens ist. Aber ist sie dafür auch notwendig? Die »100 Happy Days Challenge« ist eine Initiative, die genauer hinsehen lässt auf das ganz alltägliche Glück; Anita Rösch macht einen Vorschlag, das digitale Angebot in Gestalt eines eigenen Glückstagebuchs für den Unterricht fruchtbar zu machen. Jennifer Pavlik thematisiert die aristotelischen Lebensformen und unterstreicht deren Aktualität mit ihrer Anwendung auf unseren heutigen Konsum- und Medienalltag. Gibt es ein Glück ohne Moral? Diese Frage diskutieren die Schülerinnen und Schüler im Kontext einer Unterrichtsidee von Sandra Hesse und verschriftlichen ihre Einsichten abschließend in einem Essay.

Das Material Extra macht Angebote zu fünf Themenfeldern, vor allem für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I: Was ist Glück? - Sein Glück machen - Glück empirisch - Gut leben - Paradiese. Zu verschiedenen Glücks-Begriffen und Utopiekonzepten gibt es darüber hinaus Materialangebote für die Sekundarstufe II.

Richard Breun