Zum Heft: 1 / 2017 Konsum


Darf es ein bisschen mehr sein?

Täglich sind Briefkästen und Zeitungen gefüllt mit Werbung aller Art. Laufend bieten Firmen im »Sale« aufdringlich und marktschreierisch (angeblich) preisreduzierte Ware an. In der Vorweihnachtszeit vergeht keine Woche, in der nicht über die Kauflust der Deutschen geschrieben und gesprochen wird. Dem gegenüber stehen Kampagnen zum Konsumverzicht. Zum Beispiel wird weltweit in der Vorweihnachtszeit zum »Buy Nothing Day« aufgerufen.

Einige wenige Begrifflichkeiten können die Ambivalenz, die mit dem Konsumbegriff verbunden ist, deutlich machen. Da wird gleichzeitig von Konsumtempeln und Shoppingerlebnissen gesprochen und auf der anderen Seite von Konsumzwang, Konsum-Burnout oder sogar Konsumterror.

Der Konsumklimaindex beschreibt die Neigung der privaten Konsumenten, in nächster Zeit Anschaffungen zu machen, und berechnet auf dieser Basis den Zustand der Wirtschaft. Politiker haben kein Problem damit, Vorschläge zu unterbreiten, wie man die Bevölkerung zum Konsum anregen kann, wenn die Wirtschaft schwächelt, und parallel auf Klimakonferenzen über eine Verminderung des CO2-Ausstoßes nachzudenken, ohne eine Verbindung zwischen beiden Themen herzustellen und die Paradoxie dieser Überlegungen zu thematisieren.

Diverse Philosophen haben sich mit dem Streben nach Besitz befasst und es kritisch reflektiert. Schon Aristoteles erkennt zwar an, dass man für die oikonomia, die Hausverwaltungskunst, ein gewisses Maß an Wohlstand benötige, verurteilt aber gleichzeitig ein ins Grenzenlose gehendes Streben nach Besitz, Ansehen und Macht. Die moderne Philosophie hat die Kritik am Immer-mehr-haben-Wollen aufgegriffen. So beklagt Adorno, dass das Streben nach dem richtigen Leben ersetzt worden sei durch materielle Produktionsprozesse und Konsum. Marcuse warnt davor, dass materieller Wohlstand ein falsches Bewusstsein erzeuge, das gegen die Einsicht in seine Falschheit immun sei. Baudrillard sieht uns nur noch von Gütern umgeben und Fromm kritisiert, dass das Haben zum obersten Ziel des Seins geworden sei.

Drei grundlegende Dimensionen des Konsums

Ebene 1: Individuelle Dimension

Auf der individuellen Ebene geht es um die Frage, was für mich der persönliche Konsum bedeutet, oder, wie es der Psychologe Jens Förster fragt, was das Haben mit dem Sein macht. Wir leben in einer Konsumgesellschaft, die stark individualisiert ist. Jeder Einzelne ist für sein persönliches Glück verantwortlich, das er häufig in der Warengesellschaft zu finden sucht (Zygmunt Baumann). So wird »Ich konsumiere, also bin ich« zum neuen Lebensmotto und der Besitz zum Identitätsmerkmal. Viele Jugendliche bezeichnen Shoppen als liebste Freizeitbeschäftigung, die zum Selbstzweck wird. Ein Ergebnis soziologischer Forschung besagt, dass sich viele junge Menschen über Konsum definieren. Die enorm gestiegene Kaufkraft der Jugendlichen macht das möglich.

Wichtig für die Kaufentscheidung Jugendlicher, die ihr Geld vor allem für Kleidung, Schmuck, Kosmetika, Freizeitaktivitäten, Suchtmittel und Kommunikation per Handy oder Internet ausgeben, ist, wie die Produkte und der Käufer damit in der Clique ankommen. Das gilt aber auch für viele Erwachsene, Menschen präsentieren sich über die gekauften Waren: Was sagen mein neues Auto, mein Smartphone, die teure Auslandsreise über mich aus? Oder, auf der anderen Seite: Wie präsentiere ich mich, wenn ich Bio- oder Fairtrade-Produkte einkaufe und bewusst auf Luxusartikel verzichte?

Kaufen oder auch Verzicht wird zum Statement.

Ebene 2: Gesellschaftlich-soziale Dimension

Konsum hat aber auch eine gesellschaftlich-soziale Seite: Konsum ist ein bewusstes Mittel zur Distinktion. Ich kann meine Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder auch die bewusste Abgrenzung über meinen Konsum steuern. Im 18. Jahrhundert konnten sich nur Adelige Luxusgüter wie Schmuck und teure Stoffe leisten. Mit Erstarken des Bürgertums legten auch die Bürger Wert auf Prestigeobjekte. Wer heute ein großes Haus, teure Kunst oder einen chicken Sportwagen besitzt, der »hat es geschafft«. Aber auch Verzicht wird als bewusstes Statement der Abgrenzung initiiert.

Ebene 3: Globale Dimension

Und letztendlich hat Konsum eine globale Dimension. Das, was wir hier kaufen und verbrauchen, wird mit Rohstoffen aus aller Welt zumeist in Billiglohnländern ohne Berücksichtigung von Umweltstandards und unter zum Teil menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen produziert. Viele Produktionsprozesse, zum Beispiel in der Textilindustrie, haben die nachhaltige Verschmutzung ganzer Landstriche und Gewässer zure Folge.

Auf diese Sachverhalte reagieren zunehmend mehr Menschen mit strategischem oder moralischem Konsum, indem sie versuchen, durch ihre Kaufentscheidungen Einfluss auf Produktionsweisen und Handelsbeziehungen zu nehmen. Ein weiterer Versuch moralischen Konsums ist der kollaborative Konsum als Versuch, über Tauschen, Teilen oder Schenken den Ressourcenverbrauch zu reduzieren.

Dieses Ethik&Unterricht-Heft zum Konsum möchte das Thema auf individueller, sozialer und globaler Ebene betrachten.

Zu den Heftbeiträgen

Der Artikel von Ludger Heidbrink setzt sich mit dem Verhältnis von Konsum und Moral auseinander. Der zweite Schwerpunktartikel von Meike Drees und Christian Neuhäuser betrachtet Konsum als identitätsstiftendes Merkmal und vertieft den im ersten Artikel umrissenen Aspekt des moralischen Konsums. In mehreren Schritten analysieren sie das Verhältnis von Konsum und Moral. Sie konstatieren eine wachsende Bedeutung des Konsums in unserer Gesellschaft und fragen nach, wie wir konsumieren und welche Funktion dieser Konsum hat. Vor diesem Hintergrund stellen sie die Fragen nach dem Zusammenhang von Konsum, dem guten Leben und Identität und betrachten den Konsumenten im Dilemma von Selbstachtung und moralischen Pflichten. In dem Beitrag zur Rubrik Schule betrachtet die Organisation Foodwatch Sponsoring in der Schule kritisch unter dem Aspekt Gesundheit.

In den Beiträgen für den Unterricht wird ein breites Spektrum beleuchtet. Der Artikel von Kristina Rehr widmet sich dem Thema Geschenke und will jüngere Schülerinnen und Schüler dafür sensibilisieren, was ein gutes, persönliches Geschenk ausmacht. Anita Rösch gibt in ihrem Artikel zum Thema Mode und Konsum viele Anstöße, das eigene Modeverhalten selbstkritisch zu reflektieren und die globalen Entstehungsprozesse von Mode zu hinterfragen. Daniel Becker, Sarah Bittorf, Patrick Huttel und Hanna Patzer betrachten die vielfältigen Zusammenhänge von Verzicht und Konsum. Sie gehen dabei auf Verzicht als Beschränkung auf das Wesentliche ein, beispielsweise aus religiöser Motivation, Lifestyle, Konsumkritik und effektivem Altruismus. Eva Müller macht in ihrem Beitrag die Lernenden mit den Theorien von Erich Fromm vertraut und stellt aktuelle Bezüge zum Kaufverhalten der Jugendlichen und ihrer Identitätssuche her. In einem weiteren Beitrag untersucht Anita Rösch Ursachen und Ausprägungen der Sharing Ecconomy und hinterfragt den Slogan »Teilen ist das neue Haben« kritisch. Sarina Brandt, Melina Möhring, Alina Respondek und Selina Walde setzen sich kritisch mit Marketingkampagnen auseinander, die das Konsumieren mit einem ökologischen oder sozialen Zweck verbinden, und diskutieren, ob der Zweck die Mittel heiligen kann. Jonas Loidold, Simon Schäfer und Elisa Schönfelder fragen in ihrer Unterrichtseinheit nach, ob Konsum Ersatzreligion oder Religionsersatz sein kann.

Das Material Extra unterbreitet ein großes Angebot an Materialien zu den Bereichen individueller, gesellschaftlicher und globaler Konsum.

Anita Rösch