Editorial: 3 / 2017 Jugendbücher im Ethikunterricht

Liebe Leserin, lieber Leser,

Vermutlich kennen die meisten diese Situation ­ endlich Ferien und Zeit, um mal wieder (mehr) und ohne Blick auf schulische Verwendbarkeit der Lektüre zu lesen. Lesen, um zu entspannen, mit den Protagonisten mitzufiebern oder mitzuleiden, ihre Entscheidungen und Handlungen wohlwollend oder kritisch zu begleiten, sich zu fragen, wie man selbst gehandelt hätte, und dabei vielleicht noch etwas über die Geschichte, andere Länder und Kulturen zu erfahren. Oft unbemerkt und unbewusst werden bei dieser Art der Lektüre Kompetenzen aktiviert, die zentral für den Ethikunterricht sind ­ Perspektivübernahme und Empathie, moralische und ethische Urteilsfähigkeit sowie Argumentations- und Urteilsvermögen. Literatur vermittelt, ob vom Autor bewusst initiiert oder nur unterschwellig mitgedacht, Werte, lädt dazu ein, sie kritisch zu prüfen, fordert auf, moralische Dilemmata zu lösen, regt an, sich mit den Protagonisten zu identifizieren oder aber sich kritisch von ihnen abzusetzen. All dies gilt für anspruchsvolle Erwachsenenliteratur ebenso wie für Kinder- und Jugendbücher.

Wenn Literatur das alles kann, ist es dann nicht sinnvoll, sie im Ethikunterricht gezielt zur Förderung eben dieser Kompetenzen zu nutzen? Und doch gibt es viele Vorbehalte: die Lektüre von Ganzschriften sei zu kosten- und zeitintensiv für ein zweistündiges Fach, das Lesen von Büchern solle dem Deutsch- und Sprachunterricht vorbehalten sein oder auch den Vorwurf, durch den Schwerpunkt auf eine ethische Diskussion literarischer Werke würde die Autonomie der Literatur missachtet, wenn man sie in den Dienst ethischer Erziehung stellt.

Selbstverständlich müssen Aufwand und Ertrag der Unterrichtsmaterialien in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen. Doch ist Leseförderung zu bedeutend, um sie nur dem Deutschunterricht zu überlassen. Lesefähigkeit ist die Basis schulischer Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe. Ethik ist ein sprachbasiertes Fach, Texte sind eine Säule des Unterrichts. Neben philosophischen Texten, die selbstverständlich vor allem für ältere Schüler im Fokus stehen müssen, können Jugendbücher ethische und philosophische Fragestellungen schülernah, problemorientiert und motivierend präsentieren.

Mit diesem Heft lade ich Sie ein, neuere, für den Ethikunterricht geeignete Kinder- und Jugendliteratur kennenzulernen und zu erproben. Die Unterrichtsideen beziehen kleine Bändchen für leseschwächere Schülerinnen und Schüler ebenso ein wie Auszüge aus mehrbändigen Dystopien, die bei Jugendlichen gerade besonders hoch im Kurs stehen, oder preisgekrönte Jugendromane.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit diesen Unterrichtskonzepten!

Anita Rösch