Editorial: 2 / 2017 Glück oder das gute Leben


»Das goldene Zeitalter« hat Lucas Cranach der Ältere sein Gemälde genannt, das den Titel dieser Ausgabe ziert. Es stammt aus dem 16. Jahrhundert und zeigt einen locus amoenus mit lustwandelnden Menschen, nackt und unbeschwert, spielend oder ruhend und immer in Gemeinschaft. Die Szenerie entspricht sicherlich in Teilen auch heutigen Vorstellungen vom Glück, wenn man von den theologisch-eschatologischen Elementen absieht. Denn natürlich spricht das »Goldene Zeitalter« den Paradiesgarten mit an, das Jenseits vom Jammertal und somit einen Ort, der per definitionem in diesem Leben nicht zu finden ist. Sieht man jedoch davon ab, finden sich auf dem Gemälde einige Motive, die immer noch mit dem Glück assoziiert werden: im Einklang sein, in Gemeinschaft sein, ohne Gebrechen, beschützt und heil in friedlicher Natur sein.

Doch während der Weg zum Glück zur Zeit des Lucas Cranach vergleichsweise klar ausgeschildert war, gibt es heute eine Vielzahl von durchaus diesseitigen Glücksversprechen, zu denen der moderne Mensch sich verhalten muss. Wir können uns den An- geboten nicht entziehen, denn der pursuit of happiness, das Streben nach Glück, ist eine mächtige Triebfeder, eine permanente Aufgabe und Herausforderung, deren Drängen sich zu Lebzeiten selten abstellen lässt.

Sieht man ab von den kurzfristig-rauschhaften Glückszuständen, ist die Aufgabe auch eine der Lebensplanung, weshalb der Titel dieses Heftes dem Begriff des Glücks den des guten Lebens beigesellt. So weitet sich der Fokus, und es öffnet sich ein Einfallstor für Fragen der Moral - für einige Philosophien quasi ein Sündenfall, der den Menschen den Weg zum Glück versperrt; für andere die conditio sine qua non für eine wahrhaft glückliche Existenz.

Die Unterrichtsideen dieses Heftes machen Vorschläge, wie das Glück zu fassen und der Zusammenhang von Glück und Moral zu denken ist. Anders als viele andere Ausgaben hat diese einen klaren Schwerpunkt im Bereich der Mittelstufe und macht neben tradierten Geschichten und Denkfiguren auch aktuelle, etwa jugendliterarische Texte für die Diskussion des Themas fruchtbar.

Liebe Leserin, lieber Leser, Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Arbeit damit! Karola Vos