Zum Heft: 4 / 2016 Tierethik


Dürfen wir Tiere töten, um sie zu verzehren? Ist Massentierhaltung grausam? Wieso behandeln wir unsere Haustiere anders als Nutztiere? Dürfen wir mit Tieren experimentieren? Das sind nur einige der Fragen im Zusammenhang mit dem Thema Tierethik, die heutige Jugendliche zunehmend beschäftigen und die deshalb auch im Ethikunterricht an Relevanz gewonnen haben. Einige unserer Schülerinnen und Schüler sind überzeugte Vegetarier oder sogar Veganer, viele besitzen Haustiere und haben Bindungen zu ihnen aufgebaut, die sich nur wenig von sozialen Bindungen zu Mitmenschen unterscheiden.

Andere hingegen wollen nicht auf ihr Steak oder den gemütlichen Grillabend verzichten und halten Tiere für minderwertige Lebewesen, über die wir unbeschränkte Verfügungsgewalt besitzen. Damit repräsentieren die Schülerinnen und Schüler im Kleinen die Einstellungen, die in der ganzen Bevölkerung vorherrschen und die Diskussion bestimmen.

Haben Tiere ein Recht auf Leben?

Immer mehr Menschen lehnen den Fleischkonsum und die damit verbundene Massentierhaltung ab. Einige, weil sie diese für ökologisch unsinnig halten, da sie auf Kosten der Ärmsten der Armen geht und indirekt für den Welthunger mitverantwortlich ist: So werden etwa zur Produktion von 300 Gramm Rindfleisch 7000 Liter Wasser und sechs Kilogramm Getreide benötigt. Viele Menschen vertreten die Ansicht, dass das Töten von Tieren sich prinzipiell nicht oder nur wenig vom Töten eines Menschen unterscheidet. Sollte sich diese Bewegung durchsetzen, müssten Millionen Menschen ihre Lebensweise umstellen, auf das fröhliche sommerliche Grillsteak ebenso verzichten wie auf Spaghetti Bolognese. Es ist also nicht erstaunlich, dass die Reaktionen von Fleischkonsumenten und Vegetariern aufeinander oft sehr emotional ausfallen.

Mit der Frage, ob wir Fleisch konsumieren sollten oder nicht, ist auch die nach den Rechten von Tieren immer stärker in den Fokus der (tier)philosophischen Diskussion geraten und die meisten namhaften deutschen Philosophen haben in den letzten Jahren klar dazu Stellung bezogen. Es geht insbesondere um die Frage, ob Tieren Rechte zustehen, die bislang Menschen vorbehalten sind, oder ob es gute Gründe gibt, bestimmte Rechte wie das Recht auf Leben nur dem Menschen zuzugestehen (s. hierzu den Schwerpunktartikel von Markus Wild). Dabei gerät die klassische Trennung von Mensch und Tier, die soge-nannte anthropologische Differenz, die sich meist auf be- stimmte Formen des Denkens, besondere Interessen oder das Selbstbewusstsein als differentia specifica beruft, immer stärker unter Druck - obwohl das der Intuition vieler Menschen widerspricht. Auch die meisten Schülerinnen und Schüler sind intuitiv der Ansicht, es gebe eine solche klare Trennung.

Welche Pflichten haben wir Tieren gegenüber?

Aktuelle Experimente und Forschungsergebnisse zeigen aber, dass zahlreiche Spezies' über Formen des Denkens verfügen und keineswegs nur die instinktgesteuerten Automaten sind, als die Descartes sie begriffen hat (s. dazu den Schwerpunktartikel von Tobias Starzak und Albert Newen). Selbst die Bastion des logischen bzw. begrifflichen Denkens gerät in der aktuellen Debatte ins Wanken. Das Unterscheidungsmerkmal Selbstbewusstsein wird von prominenten Utilitaristen wie Peter Singer schon länger als hinfällig zurückgewiesen, insofern dieses Kriterium mehr Probleme als Lösungen auf wirf t. Nimmt man nämlich das Selbstbewusstsein als Kriterium für die Zugehörigkeit zur Spezies Mensch, das heißt für das Menschsein, so fallen bestimmte Formen menschlichen Lebens nicht mehr in die Kategorie Mensch, wie etwa Embryonen oder Menschen mit schwerer Behinderung.

Es scheint also, dass eine radikale Trennung zwischen Mensch und Tier nicht zu halten ist. Fällt diese radikale Trennung, so fällt auch die Legitimation, Tieren Rechte vorzuenthalten, die bislang Menschen vorbehalten sind. Deshalb schlägt Singer vor, statt des Denkens die Leidensfähigkeit als Kriterium zu nehmen. Andere wiederum gestehen auch Tieren Formen des Denkens und damit zwangsläufig die damit verbundenen Rechte zu. Haben Tiere aber Rechte, so erwachsen den Menschen daraus Pflichten gegenüber den Tieren. Einige dieser Pflichten, etwa die, Tieren nicht unnötig Schmerzen zuzufügen oder sie artgerecht zu halten, haben bereits Eingang in unsere Gesetzgebung gefunden; weitere Pflichten, etwa die, das Leben von Tieren zu achten, könnten folgen.

Die Position der Speziesisten

Dagegen wendet sich die Fraktion derjenigen, die Singer als Speziesisten bezeichnet. Das sind die, die aus der Sicht der Tierrechtsbefürworter Tiere diskriminieren und ihnen keine oder nur minimale Rechte zugestehen wollen, weil sie Tiere als minderwertig bzw. den Menschen und seine Interessen als höherwertig ansehen. Sie versuchen insbesondere zu zeigen, dass ein generelles Tötungsverbot von Tieren nicht begründbar ist und wir nur indirekte Pflichten gegenüber Tieren haben, zum Beispiel ihr Leiden zu mindern oder sie schmerzlos zu töten.

Insgesamt kann man jedoch festhalten, dass dieser Diskussion im 21. Jahrhundert eine zentrale Bedeutung zukommt. Sie wird zwangsläufig eine Änderung nicht nur unserer Denkungsart bewirken, sondern auch eine Änderung unseres Rechtsbewusstseins. So war es immer, wenn bestimmte Gruppen, die nicht als Menschen oder die als minderwertige Wesen betrachtet wurden, plötzlich in den Fokus einer öffentlichen Debatte gerieten, die eine tradierte Weltanschauung unter Rechtfertigungsdruck setzte.

Zu den Beiträgen

Der erste Schwerpunktbeitrag von Markus Wild gibt nicht nur einen guten Überblick über den Stand der aktuellen Tierrechtsdebatte, sondern geht auch der Frage nach, welche Rechte sich für Tiere aus einem interessebasierten Ansatz ableiten lassen. Tobias Starzak und Albert Newen beschäftigen sich in dem zweiten Schwerpunktbeitrag mit der anthropologischen Differenz auf der Grundlage neuerer Forschungen und Experimente mit Tieren. In der Rubrik Schule wird das Projekt Schüler für Tiere vorgestellt, das Möglichkeiten für Schüler aufzeigt, sich für Tiere zu engagieren.

Ausgehend von der Zurschaustellung exotischer Menschen auf Jahrmärkten und Zoos im letzten Jahrhundert, macht der Beitrag von Eva Müller aufmerksam auf die Situation von Zoo-Tieren, die ebenso zur Schau gestellt werden, und regt so einen Perspektivwechsel an. Dieses Ziel verfolgt auch der Beitrag von Aisha Hellberg und Florian Hellberg, die in der von ihnen vorgestellten Einheit die Schülerinnen und Schüler dafür sensibilisieren wollen, wie wir Tiere behandeln.

Sven Anton Klose geht in seiner Unterrichtsidee der Frage nach, ob Tiere tatsächlich Gefühle besitzen oder ob es sich nur um eine vermenschlichende Projektion handelt, wenn wir Tieren Gefühle unterstellen. Der Beitrag von Michael Segets hinterfragt kritisch die Legitimität von Genmanipulationen an Tieren, und fordert zu einer kritischen Stellungnahme heraus. Ausgehend von einer Reihe von Gedankenexperimenten, erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler in einer Lernaufgabe das Problem der anthropologischen Differenz, die Alexander Chucholowski in seinem Unterrichtsartikel thematisiert. Der Beitrag von Markus Pfeifer bietet einen Ausblick auf die weitreichenden Konsequenzen der Tierrechtsdebatte, etwa die Frage, ob der Mensch verpflichtet ist, Vegetarier zu werden. Im Rahmen der im abschließenden Beitrag von Anita Rösch gestellten Lernaufgabe setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit Peter Singers »Great Ape Project« auseinander und mit der Frage nach der anthropologischen Differenz bzw. dem besonderen Status von Menschenaffen.