Zum Heft: 3 / 2016 Medienethik

 

Sie habe sich ganz nackt gefühlt, berichtete mir neulich eine Kollegin fassungslos. Dabei war nicht wirklich etwas Schlimmes passiert: Sie hatte bloß morgens ihr Handy zu Hause vergessen. Aus ihrer Reaktion aber können Sie weiter erschließen, dass es keine der jüngeren Kolleginnen gewesen sein kann. Die hätte nämlich auf dem Absatz kehrtgemacht, um ihr vergessenes Smartphone abzuholen - ohne geht gar nicht.

Denn für was brauchen wir das Gerät nicht alles? Zum Musikhören selbstverständlich, zum Fotografieren, um dahin zu finden, wohin wir gehen wollen, um zu erfahren, ob der Laden noch offen hat, in dem wir nun spontan einkaufen wollen, um nachzuschauen, ob wir eine neue WhatsApp-Mitteilung erhalten haben - und ein bisschen auch zum Telefonieren. 

Das scheint überhaupt das Markenzeichen von neuen Medien zu sein: Sie machen als Mittleres zwischen mir und der Welt von sich abhängig. Denken Sie nur einmal an die Situation, in der Sie kürzlich tagelang kein Internet hatten. - Unglaublich, wie wir das vergangene Jahrhundert ohne www überleben konnten. 

Und keine Frage: Während wir uns darauf konzentrieren, sie zu nutzen, haben die digitalen Medien uns, unser Zusammenleben mit anderen, »unsere Welt« schneller und nachhaltiger verändert, als es jemals jemand von uns gedacht hätte. Und das gleich auf dreierlei Weise, die sich auch im Material Extra dieses Heftes niederschlägt: 

Die Beschäftigung mit Medien im Ethikunterricht ist meist auf der inhaltlichen Ebene angesiedelt und fragt zum Beispiel danach, was Reporter dürfen und Fernsehmacher sollten. Im Beitrag von Jens Schäfer wird dies durch die Gegenüberstellung des »idealen Verantwortungsdreiecks« mit dem »realen Interessendreieck des Journalismus'« verdeutlicht und mit Hilfe des Pressekodexes an einem Beispiel veranschaulicht. 

In diesem Zusammenhang kommt auch immer wieder die Frage auf, ob es, zum Beispiel in der Satire, thematische Grenzen gibt, die in der Öffentlichkeit und von den Medien nicht überschritten werden dürfen. Dass Provokationen durchaus auch positive Wirkungen erzielen und Anstöße zum Nachdenken geben können, steht am Beginn von Ralf Kellermanns Überlegungen zur »Provokation in den Massenmedien«. Dennoch ist die Abwägung zwischen Meinungsfreiheit und moralischen Werten wie Achtung, Respekt oder Menschenwürde keine einfache, wie der Autor anhand umstrittener Karikaturen aus der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo an aktuellen Beispielen zeigt. 

Auch im Beitrag von Dieter Merlin zur Frage »Dokumentation des Krieges oder Ästhetisierung von Leid?« geht es um die Wirkung von Bildern, die schockieren, und darum, wie sich die Schülerinnen und Schüler durch einen (selbst)reflexiven Umgang damit auseinandersetzen können. 

Eine Unterscheidung in gute Medien vs. böse Medien ist in Zeiten, in denen soziale Medien Revolutionen begleiten und Smartphones Flüchtenden Orientierung verschaffen, sowieso wenig hilfreich. Medien erfüllen wichtige Funktionen in der Gesellschaft und in unserer Demokratie, indem sie Beteiligung ermöglichen und Öffentlichkeit schaffen. Ist es da zu verantworten, dass Schulen zur No-Go-Area für Handys erklärt werden? Der Vorschlag von Nina Köberer in der Rubrik Schule, die mobilen Endgeräte der Schülerinnen und Schüler stärker in den Unterricht zu integrieren, ja sogar dort zu nutzen und sie nicht - wie in den allermeisten Schulen - mit einem Bann zu belegen, kann dazu anregen, die Frage neu zu überdenken. 

Ein häufig in der Schmuddelecke abgestelltes Thema greift auch der Unterrichtsvorschlag zur »Medienerziehung mit Dave Eggers' »Der Circle« von Tino Miksche auf. Drei Slogans charakterisieren die neue gläserne Welt des Circles: »Geheimnisse sind Lügen«, »Teilen ist Heilen« und »Alles Private ist Diebstahl«. Sie lassen spannende Diskussionen mit der Generation Facebook erwarten. 

Auf der Ebene der Prozesse gerät man leicht ins Lamentieren: Früher konnten Abiturienten noch Schillers Glocke auswendig rezitieren, heute kann sich keiner mehr auf einen anspruchsvollen Aufsatz konzentrieren, geschweige denn ihn verstehen. Denn was man bei der Recherche im Internet gut gebrauchen kann - das rasche Überfliegen von großen Textmengen - ist bei der intensiven Konzentration, die das Verstehen manchmal fordert, hinderlich, zum Beispiel bei der Lektüre einer Seite in einem Buch. Der Mensch scheint sich bereits angepasst und verändert zu haben. 

»Homo digitalis« nennt Byung-Chul Han deshalb den Homo sapiens nach der Evolution ins digitale Zeitalter. Er ist einer der Autoren, mit deren Hilfe Markus Pfeifer die Schülerinnen und Schüler dazu anregen will, sich den Auswirkungen der digitalen Welt auf den Menschen zu stellen. Ausgehend von Platon präsentiert er in seinem Unterrichtsvorschlag spannende Texte zu diesem Thema. 

Scripted Reality ist ein Format, das es noch nicht allzu lange im Fernsehen gibt, sein Siegeszug aber ist beachtlich. Nahezu ein Drittel unserer Schülerinnen und Schüler in der Mittelstufe schauen regelmäßig Familien im Brennpunkt, Berlin - Tag & Nacht und andere Serien dieses Formats. Welche Einflüsse die Sendungen auf ihre jungen Zuschauerinnen und Zuschauer haben können und wie man sich denen möglicherweise widersetzt, damit beschäftigt sich der Vorschlag »Scripted Reality - Scripted Morality?« von Eva Müller

Solche und ähnliche denkbare Medieneinflüsse kritisch zu reflektieren, um sich gegebenenfalls dagegen abgrenzen zu können, ist also ein weiterer Aspekt der Beschäftigung mit Medien im Ethikunterricht, vor allem dann, wenn die realen Auseinandersetzungen mit und in der Welt hinter den virtuellen Erfahrungen immer weiter zurückbleiben - oder sich nur noch im Bedürfnis nach Cola und Chips manifestieren. 

Über die Darstellung der Welt in den Medien wird gern gestritten. »Lügenpresse« schimpfen diejenigen, deren Perspektive verzerrt ist, die aber die Wahrheit gepachtet und für Fragen nach Verantwortung für die eigene Wahrnehmung aus programmatischen Gründen kein Verständnis haben. Aber: Was ist uns die Welt, wenn wir realisieren, dass sie eine von uns wahrgenommene ist? Dass sie immer schon durch Medien konstituiert wird? Matthias Rath führt in seinem Schwerpunktartikel »Ethik der mediatisierten Welt« in diese Perspektive ein und bestimmt sie sogar als die Fragestellung unserer Epoche. 

Welche normative Herausforderungen durch neue Diskursteilnehmer im Internet erwachsen, untersucht Christian Schicha in seinem Beitrag »Öffentlichkeiten im Web 2.0« und stellt unter anderem fünf Regeln auf, die berücksichtigt werden müssen, um medienethische Standards auch im Rahmen der Skandalberichterstattung zu gewährleisten. Thesen und weiterführende Gedanken, die nicht nur eine solide Grundlage zum Thema »Medienethik« für Lehrerinnen und Lehrer bieten, sondern durchaus auch mit Jugendlichen gewinnbringend diskutiert werden können.