Zum Heft: 2 / 2016 Utilitarismus


Utilitarismus - nicht nur auf Schülerinnen und Schüler wirkt das Wort abschreckend. Allerdings überzeugt schon ein kurzer Blick auf die Geschichte von der Lebensnähe der Grundidee. 

Die Ausgangslage 

Historisch resultierte das Motiv des utilitaristischen Grundgedankens aus der Unzufriedenheit mit der schreienden Ungleichheit der Lebensverhältnisse. Diese war lange Zeit den merkantilistischen Prinzipien geschuldet, zu denen die bewusste Unterdrückung der Arbeiter und Bauern zählte. Die dann erfolgende Industrialisierung führte zunehmend zu einer Entwertung von Handarbeit und Handwerk und in der Folge zu massenhafter Verarmung von Bevölkerungsschichten, die nur noch sich selbst als Ware für die zeitintensive und unterbezahlte Arbeit in den Fabriken zur Verfügung stellen konnten (wie es heute noch in vielen Ländern der Fall ist). Gegen diese Art der Ausbeutung waren weder der herkömmliche Tugendkatalog und der damit verbundene Eudämonismus - der an die Vernunft gekoppelte Begriff des guten Lebens - noch die christliche Ethik des Mitleids gewappnet. Höchstens das dreifaltige Sedativum von Glaube, Liebe, Hoffnung konnte für fromme Gemüter Trost bieten. Aber all das war keine Begründung für die Unmoral der herrschenden Moral, die sich als Moral der Mächtigen erwies, und für eine Rechtfertigung der ungerechten Zustände. 

Epochale Umschwünge wie die Industrialisierung zwingen zu einer grundsätzlichen Neubesinnung auf die Grundlagen der Moral. Woher kommen eigentlich unsere Vorstellungen vom Guten, wenn sie nicht mehr auf Gott und seine Gesetzgebung oder auf eine kosmische Ordnung zurückbezogen werden können? Diese Frage, die im Grunde bereits Sokrates gestellt hat, zielte auf das Selbstverständnis des Menschen, der zu begreifen hatte, dass er unter seinesgleichen lebte, was nichts anderes bedeuten konnte als einzusehen, dass es keine moralisch haltbare Legitimation dafür gibt, den - kantisch gesprochen - jeweils anderen bloß zu einem Mittel für die eigenen Zwecke zu machen. 

Der Grundgedanke 

Dass der Mensch unter seinesgleichen lebt, scheint so selbstverständlich zu sein, dass man es leicht übersieht. Und wie man es übersieht, zeigt sich daran, dass die Idee, die in dem Wort >seinesgleichen< steckt, immer von neuem in Erinnerung gerufen und - zeit- und kontextbezogen - expliziert werden muss. (Aktuell wird debattiert, ob nicht auch bestimmte Tiere zu >unseresgleichen< gezählt werden müssen.) Es ist die Idee, die sowohl im kategorischen Imperativ Kants enthalten ist als auch hinter dem utilitaristischen Grundprinzip und der Formel vom höchsten Glück für die größte Zahl steckt (wohl erstmals bei Francis Hutcheson 1725). 

In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Formel verwandelt und differenziert; die Idee des Gleichseins im Sinne des als gleich Geltens ohne Ansehen von Herkunft, Geschlecht, Begabung oder anderen, biologischen und sozialen Zufällen geschuldeten, Differenzen hat sich letztlich ausgeprägt im so genannten Prinzip der gleichen Interessenabwägung. Das darin enthaltene Gleichheitsprinzip hat seine frühe Formulierung in Jeremy Benthams (1789 erstmals veröffentlichtem) Satz »everybody to count for one, riobody for more than one« gefunden. Mit der Hinzufügung des Interesses, auf das es ankomme, wird allerdings nur betont, was schon seit Epikur in bestimmten Strebensethiken angelegt ist: Optimierung von Freude bzw. Lust (woran jeder Interesse habe), Verminderung von Leid und Schmerz bzw. Unlust (woran wiederum jeder interessiert sei), Beachtung und Erwägung der Folgen mit dem Zweck einer Maximierung bzw. Mehrung des Nutzens für die Mehrheit der von einer Handlung Betroffenen, möglichst ohne dass die Minderheit darunter zu leiden habe. Glück wird hier im Grunde mit Bedürfniserfüllung und Interessenwahrung gleichgesetzt; es zeigt sich an den - guten, zustimmungswürdigen und erstrebenswerten - Folgen von Handlungen. 

Zwischen Befreiung und Anpassung 

Moralische Überlegungen utilitaristischen Zuschnitts kommen immer dann zum Tragen, wenn sich Fragen der angewandten Ethik stellen; und das ist in besonderem Maße der Fall, wenn Ökonomie, Wissenschaft, Medizin und Technik Grenzstreitigkeiten provozieren. Das bedeutet: Sie greifen in die konkrete Lebenspraxis ein und werfen dadurch Fragen auf, die sich auf die Lebensführung und das Selbstverständnis des Menschen beziehen. Das >herkömmliche< Menschen- und Weltbild bekommt Kratzer, wenn der Umgang des Menschen mit sich selbst und seiner (von ihm ja maßgeblich selbst auf- und ausgebauten) Umwelt die Konsequenz hat, dass das wissenschaftlich, technisch oder medizinisch Geforderte die bekannten und akzeptierten Grenzen der eingespielten Lebensführung überschreitet und diese damit in Frage stellt. Die Grenzen werden verschoben oder aufgehoben, weil der Mensch die in ihm selbst liegenden Potenziale ausschöpft und deren Wirkung so weit treibt, dass er dadurch ?anders? wird. Dann bleiben ihm nur zwei Möglichkeiten: Entweder er passt sich den neuen, selbst erzeugten Gegebenheiten an, oder er wendet sich gegen das Neue, hegt es ein oder lehnt es ab im Namen der ?Menschlichkeit? und ?Menschheit? oder ?Menschenwürde? - wie die dann reklamierten Begriffe lauten, die aber flugs umdefiniert und ebenso semantisch angepasst werden. 

In diesem Spannungsfeld zwischen Anpassung und kritischem Impuls lässt sich der Utilitarismus verorten. Seine Entstehung und inhaltliche Ausprägung sind von diesem Zielkonflikt bestimmt: Einerseits wendet er sich gegen die Instrumentalisierung des Menschen durch eine Minderheit, die mit ihren unhaltbar gewordenen Legitimationsversuchen nicht mehr durchkommt, andererseits macht er sich als Speerspitze für die Befreiung des Menschen von auferlegten Zwängen unscharf, wenn er sich den Forderungen einer wissenschaftlich, ökonomisch, sozialtechnologisch oder medizinisch induzierten Instrumentalisierung geschmeidig andient. Der Begriff des Nutzens (Utilität) führt dieses Konfliktpotenzial mit sich und muss deshalb immer wieder neu bestimmt werden. 

Die Anwendung 

Es liegt nahe, dass die utilitaristischen Prinzipien (in den Stichworten: Gleichheit, Interessen, Konseguenzen, Glücksmehrung) überall da Anwendung finden können, wo es um Entscheidungen geht, die entweder alle betreffen (etwa bei der Verteilung von Ressourcen), oder um solche, die in schwierigen Lebenslagen (vornehmlich an den Grenzen des Lebens) zu treffen sind. Worin liegt das Interesse des Schwerkranken oder Sterbenden, wird dann gefragt - und wie lässt es sich am besten wahren? 

Oder: Wie können Verhältnisse geschaffen werden, aus denen die größtmögliche Zahl einen Nutzen zieht, sodass die legitimen Bedürfnisse möglichst vieler oder gar aller befriedigt werden? Und: Welche Technik macht durch ihren Einsatz das Leben vieler oder aller lebenswerter, einfacher, weniger anstrengend und wirkt leidmindernd? 

Bereits Bentham hatte zur Beantwortung moralischer Fragen in diesem Sinne ein hedonistisches Kalkül vorgeschlagen; dieser Gedanke der Berechenbarkeit moralisch relevanter Entscheidungen hat zur Ökonomisierung der Ethik beigetragen, die heute allerdings wieder eine Umkehrung erfährt, wenn nach den moralischen Grundlagen der Ökonomie und zumal der Technik gefragt wird, was zu Antworten führen kann, die dann eher einen Verzicht als eine Lustmaximierung nahelegen. 

Kritische Fragen 

In der Tat ist die enge Bindung der utilitaristischen Moral an ökonomische und glücksoptimierende Kriterien einer der Ansatzpunkte von Kritik: Lassen sich moralische Fragen auf eine Summe reduzieren, das heißt berechenbar machen; und ist es gerechtfertigt, dabei letztlich doch qualitativ bewertete Unterschiede in der quantitativ zu bemessenden Nützlichkeit von zu berücksichtigenden Interessen zu machen? Oder liegt nicht vielmehr im Begriff der Moral etwas Widerständiges, das weder in ökonomisierbaren Kriterien noch im Streben nach Glück aufgeht? 

Und damit ist bereits ein zweiter Kritikpunkt genannt: Liegt das Erstrebenswerte, das mit dem Wort Glück bezeichnet wird, tatsächlich in der Erfüllung von Bedürfnissen und Wahrung von Interessen im Sinne der Minderung von Unlust und Mehrung von Lust bzw. Freude? Oder sind all diese Dinge nicht vielmehr einerseits zwar Begleiterscheinungen des Lebens selbst, andererseits doch auch in der rechten Weise zu deutende Indikatoren, um den Weg anzuzeigen, der die Bahn freimacht für die (von der tierhaften scharf zu unterscheidende) moralisch unterfütterte Lebensform (bios) des Menschen und die damit notwendig verknüpfte persönliche Entwicklung? Das würde heißen, dass das utilitaristische Prinzip einer von mehreren Maßstäben ist, die dem Einzelnen dazu dienen können, ein Leben zu führen, das über sich selbst Rechenschaft abzulegen weiß; und das ist etwas, das heute nicht wenigen Heranwachsenden am Herzen liegt - man denke etwa an das verstärkte Interesse an Vegetarismus und Veganismus, Tierrechten und Klimaschutz. 

Zu den Beiträgen 

Im einführenden Beitrag von Dieter Birnbacher wird der Utilitarismus historisch und systematisch in seinen wichtigsten Facetten erläutert. In der Rubrik Schule beleuchtet Andreas Gruschka das kritische und prekäre Verhältnis zwischen (persönlicher, humanistischer) Bildung und (gesellschaftlich-ökonomischem) Nutzen. 

Die Beiträge zum Unterricht eröffnet Anita Rösch mit der in einem Jugendroman gestellten Frage, wie es möglich sei, die Welt ein wenig besser zu machen, woraus sich der »Pay-It-Forward-day« entwickelt hat. Alexander Chucholowski stellt unter dem Stichwort des Klonens eine Unterrichtseinheit vor, in der bioethische Fragen anhand einer motivierenden Erzählung über menschliche Duplikate, die als Ersatzteilreservoir dienen, behandelt werden. Wichtig für das rechte Verständnis des utilitaristischen Prinzips ist die Unterscheidung von Freuden bei John Stuart Mill, die Klaus Draken didaktisch-methodisch ausgearbeitet hat. Patrick Baum unterzieht die Alltagstauglichkeit des Utilitarismus einer Probe; sein Beispiel ist die Organisation einer Schule nach Nützlichkeitskriterien. Florian Weber-Stein stellt am Beispiel der präferenzethischen Position Peters Singers die Frage nach dem Personstatus von Menschen bzw. danach, wo die Grenzen des Begriffs verlaufen. Wie sich mit der TV-Serie Breaking Bad philosophieren lässt, auch in utilitaristischem Sinne, zeigt Anton Bockshorn anhand ausgewählter Sequenzen. Anita Rösch spielt in ihrem Artikel durch, wie Roboterautos progamrniert werden sollten, um im Ernstfall die Schäden eines möglichen Unfalls zu begrenzen bzw. zu bewerten - mit einem Vergleich der Prinzipien des Utilitarismus, der Deontologie Kants und der Tugendethik.

 

Richard Breun