Zum Heft: 1 / 2016 Diagnose und Differenzierung

Diagnostizieren und differenzieren Eine Frage der Ethik? 

Kennen wir den Begriff der Diagnostik normalerweise aus dem Bereich der Medizin, wo es um die Diagnose von Krankheiten mit dem Ziel einer erfolgreichen Behandlung geht, so lässt sich diese Analogie doch nur bedingt auf den pädagogischen Diagnostikbegriff übertragen: Wir begreifen Schülerinnen und Schüler nicht als »krank« oder als »Patienten«, die wir >therapieren< wollen. Die Analogie greift nur insofern, als die Diagnose einen Rückschluss von den Leistungen bzw. vom schulischen Handeln eines Schülers oder einer Schülerin auf Möglichkeiten erlauben soll, dieses Handeln gezielt zu fördern und die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und zu verbessern. 

Die schulische Diagnostik will Lehrerinnen und Lehrer also darin unterstützen, ihren Schülern Lernangebote zu machen, damit diese ihr Leistungsvermögen ausschöpfen, erweitern und verbessern können. Dazu ist es unerlässlich zu »diagnostizieren«, wo der einzelne Schüler in seinem Lernprozess steht, das heißt, wo das Lernangebot ansetzen muss, damit es erfolgreich ist. Wer auf gezielte Diagnostik im Unterricht verzichtet, wird dazu kaum in der Lage sein. 

Förderung ethisch geboten 

»Individuelle Förderung heißt für mich, dass die Lehrer die Unterschiede der Schüler bemerken, nicht versuchen, über diese Unterschiede hinwegzusehen, sondern jedem Schüler das zu geben, was er braucht. Das bedeutet, dass die Lehrer sich mit jedem Schüler auseinandersetzen, um sie zu fordern und gleichzeitig zu fördern. Diese Unterrichtsart gibt niemandem das Gefühl, anders und komisch zu sein, und hilft, die schulische Leistung zu verbessern und das Selbstbewusstsein zu stärken.« (Hessische Schülerin, 18)1 

Dieses Zitat einer hessischen Schülerin verdeutlicht nicht nur zentrale Aspekte schulischer Förderung, sondern zeigt auch die ethischen Implikationen, die mit dieser Forderung einhergehen. Alle Schülerinnen und Schüler, unabhängig von Alter, Schulform und Leistungsstand, haben einen Anspruch, als Individuen wahrgenommen und gefördert zu werden. Ziel ist die Weiterentwicklung ihrer Kompetenzen sowie ihre Persönlichkeitsentwicklung. 

Die Empfehlungen des von Bund und Ländern getragenen »Forum Bildung« betonen das. Dort heißt es unter anderem: »Individuelle Förderung entscheidet darüber, ob Menschen sich nach ihren Fähigkeiten und Interessen entwickeln können. Individuelle Förderung ist gleichermaßen Voraussetzung für das Vermeiden und den rechtzeitigen Abbau von Benachteiligungen wie für das Finden und Fördern von Begabungen. Ziel ist die konsequente Berücksichtigung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen.«2 Diverse Schulleistungsvergleichsstudien haben ergeben, dass die Lernausgangslagen und Potenziale vieler Schülerinnen und Schüler trotz aller Bemühungen noch immer nicht in ausreichender Weise berücksichtigt bzw. gefördert werden. Das ist sowohl ein individuelles wie ein gesamtgesellschaftliches Thema, wie die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn schon 2001 verdeutlichte, wenn sie im Hinblick auf Förderung zwei Richtungen ausmacht: 

Im Sinne einer Bildungsgerechtigkeit, aber auch gesamtgesellschaftlicher und letztendlich ökonomischer Interessen scheint also individuelle Förderung ethisch geboten. Das Menschenrecht auf Bildung ­ »Jeder hat das Recht auf Bildung. [...] Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein.«4 ­ macht dies deutlich. Diese Form der Bildung setzt die Diagnose der Leistungsstände voraus und mündet notwendigerweise in differenzierte und differenzierende Unterrichtsangebote. 

Förderung ethisch problematisch? 

Jeder Mensch ist anders, verschieden, sowohl von seinen natürlichen Gaben her als auch hinsichtlich seiner sozialen Stellung. Das ist eine Binsenweisheit. Daraus folgt jedoch eine Verschiedenheit beim Wissen und Lernen. Häufig steht deshalb in Lerngruppenbeschreibungen von Referendaren, dass eine Lerngruppe heterogen sei. Alles andere wäre auch überraschend. Aber an dieser Stelle fängt die Diagnostik erst an. Worin bestehen die Unterschiede? Wie hängen unterschiedliche Lernstände in verschiedenen Kompetenzen mit den natürlichen und sozialen Unterschieden zusammen? Häufig erhält man darüber keine Auskunft, und es ist vielen nicht klar, wie dann ein Lernangebot erstellt werden soll, das die Schüler individuell fördert. 

Doch muss man sich auch die Frage stellen, ob Differenzierung nicht auch ethisch problematisch sein kann. Zunächst geht Differenzierung immer mit Diskriminie- rung im Ursprungssinn des Wortes einher5, denn wörtlich bedeutet diskriminieren zunächst zu analysieren und zu unterscheiden. Nichts anderes ist mit Diagnose und individueller Beobachtung verbunden. Zur Diskriminierung im Sinne eines aktuellen Sprachgebrauchs, nämlich zur Herabsetzung und Ausgrenzung, kann Differenzierung aber leicht verkommen, wenn nicht sensibel mit der Beobachtung der Lerngruppe und daraus resultierenden Unterrichtsentscheidungen umgegangen wird. Denn jede Förderentscheidung, sei sie zugunsten von schwächeren oder begabteren Schülerinnen und Schülern, impliziert die Betonung von Unterschieden. Differenzierung bedeutet also auch immer, bewusst auf Unterschiede hinzuweisen, Lernende unter Umständen zu separieren. Schnell läuft ein solcher Förderprozess Gefahr, den Istzustand als defizitär und überwindungswürdig zu charakterisieren. 

Das Forum Bildung weist indirekt darauf hin, wenn es vom »Abbau von Benachteiligungen« spricht. In einem solchen Fall geschieht genau das, was die oben zitierte Schülerin vermieden wissen wollte, nämlich das Gefühl zu vermitteln, »anders und komisch zu sein«. Individuelle Förderung kann also Unterschiede, auf die sie konstruktiv reagieren will, überhaupt erst generieren. In einem solchen Fall ist nicht Persönlichkeitsentwicklung, sondern unter Umständen Scham das Resultat der an sich gut gemeinten Bemühungen.6 

Wie lässt sich dieses Dilemma lösen? Dem Ethikunterricht bieten sich besondere Möglichkeiten, mit Unterschieden konstruktiv und förderlich umzugehen, ohne zu diskriminieren. Im Ethikunterricht ist Heterogenität und Differenz nicht nur konstitutiv für die Zusammensetzung der Lerngruppen (vgl. den Beitrag von Beate Wischer), sondern der respektvolle und tolerante Umgang mit Pluralität ist eine zentrale, zu vermittelnde Kompetenz im Ethikunterricht. Vielfalt der nationalen und kulturellen Zugehörigkeiten, der weltanschaulichen und religiösen Orientierungen, der Wertsysteme, Einstellungen und Haltungen ist genuiner Bestandteil des Unterrichts, kennzeichnet die Lernenden, bestimmt die Diskussionen und ist Thema des Unterrichts. Aufgabe der Ethiklehrkräfte ist es also nicht nur, den Leistungsstand ihrer Lerngruppen zu erheben und die Unterrichtsplanung durch differenzierende Angebote darauf abzustimmen, sondern die Lernenden dahingehend zu qualifizieren, dass sie Vielfalt als Bereicherung verstehen und alle Mitschülerinnen und Mitschüler in ihren individuellen Fähigkeiten wertschätzen. Notlügen erlaubt?« eine Einheit mit differenzierenden Unterstützungsangeboten vor. Anita Rösch konzipiert auf der Basis der neuen baden-württembergischen Bildungspläne Kompetenzraster für die Jahrgangstufe 7/8 und entwickelt auf dieser Basis eine Unterrichtsreihe zum Thema »Was heißt denn schon normal?«, um den sensiblen Umgang mit Vielfalt zu schulen. Jakob Eisel und Thorsten Fuchs formulieren eine Lernaufgabe mit umfangreichem Differenzierungsmaterial zur Frage nach den Menschenrechte und -pflichten. Dennis Büschke macht einen Vorschlag, wie das Thema Utopien in einem kooperativen Unterrichtsarrangement behandelt werden kann. Simon Mayer entwickelt ein Instrumentarium zur Diagnose mündlicher Argumentationsfähigkeit in der Sekundarstufe II und entwirft darauf basierend eine binnendifferenzierende und förderliche Unterrichtseinheit zum Thema »Freiheit oder Determination«. Die umfangreichen Materialien zu diesem Unterrichtskonzept bilden das Material Extra. 

Zu den Heftbeiträgen 

Die Beiträge dieses Heftes tragen diesen Überlegungen in Theorie und Praxis Rechnung. Beate Wischer beleuchtet in ihrem Schwerpunktbeitrag für den Ethikunterricht relevante Problembereiche der Heterogenität. Anna Siemes setzt sich an Beispielen aus dem Ethikunterricht mit Diagnosetheorien auseinander. Andreas Höffle zeigt in seinem Artikel auf, wie Diagnose und Förderung von Textverstehen in den Ethikunterricht integriert werden können. Alexander Chucholowski stellt am Beispiel der Frage »Sind Notlügen erlaubt?« eine Einheit mit  differenzierenden Unterstützungsangeboten vor. Anita Rösch konzipiert auf der  Basis der neuen baden-württembergischen Bildungspläne Kompetenzraster für die Jahrgangstufe 7 / 8 und entwickelt auf dieser Basis eine Unterrichtsreihe zum Thema »Was heißt denn schon normal?«, um den sensiblen Umgang mit Vielfalt zu schulen. Jakob Eisel und Thorsten Fuchs formulieren eine Lernaufgabe mit umfangreichem Differenzierungsmaterial zur Frage nach den Menschenrechte und -pflichten. Dennis Büschke macht einen Vorschlag, wie das Thema Utopien in einem kooperativen Unterrichtsarrangement behandelt werden kann. Simon Mayer entwickelt ein Instrumentarium zur Diag nose mündlicher Argumentationsfähigkeit in der Sekundarstufe II und entwirft darauf basierend eine binnendifferenzierende und förderliche  Unterrichtseinheit zum Thema »Freiheit oder Determination«. Die umfangreichen Materialien zu diesem Unterrichtskonzept bilden das Material Extra

Alexander Chucholowski, Anita Rösch

Anmerkungen 

  1. Hessisches Kultusministerium, Individuelle Förderung + Individuali- siertes Lernen. Orientierungsgrundlagen zum Umgang mit Heterogenität in Unterrichts- und Schulentwicklung, Wiesbaden 2012, S.1.  [nach oben]
  2. Forum Bildung: Empfehlungen und Einzelergebnisse des Forums Bildung (GWK, BLK), Bonn, 2002, zitiert nach HKM, Individuelle Förderung, S.10. [nach oben]
  3. Edelgard Bulmahn, Eliteförderung ist Begabtenförderung, http://www. blk-bonn.de/papers/forum-bildung/band07.pdf  [nach oben]
  4. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 26. [nach oben]
  5. Vgl. Martin Heinrich, »Bildungs-Förderalismus«. »Förderrhetorik« statt Inklusion?, in: Friedrich Jahresheft 2014, S. 12­15. [nach oben]
  6. Vgl. Kerstin Rabenstein, Unter Druck. Die Entstehung von Scham im individualisierenden Unterricht, in: Friedrich Jahresheft 2014, S. 68­71. [nach oben]