Editorial: 2 / 2016 Utilitarismus

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Utilitarismus hat - zumindest in Deutschland - nicht den besten Ruf. Das Stichwort weckt Vorstellungen wie die von kühlen Rechnern, die Menschenleben gegeneinander aufwiegen; und der prominenteste Vertreter einer zeitgenössischen Spielart des Utilitarismus, der australische Philosoph Peter Singer, ruft bei öffentlichen Auftritten hier­ zulande regelmäßig Gegendemonstranten auf den Plan. 

Das zeigt: Utilitaristische Erwägungen sind brisant und aktuell. Beispiele für diese Aktualität sind etwa Forderungen von Tierschützern, bestimmten Spezies wie etwa Menschenaffen Personenstatus zuzusprechen und also auch den entsprechenden Schutz vor »verbrauchenden« Zugriffen zu gewähren; oder - im Gegenzug - im Kontext medizinethischer Erwägungen die in Deutschland sehr viel verhaltener als anderswo diskutierten Fragen um Sterbe­ hilfe und das Lebensrecht Schwerstbehinderter. 

Auch die Furore des momentan auf vielen Bühnen erfolgreichen Theaterstücks Terror von Ferdinand von Schirach lebt vom utilitaristischen Kalkül. Darin steht der Pilot eines Flugzeugs vor Gericht, der eine von Terroristen entführte Passagiermaschine abgeschossen hat, anstatt zuzu­ lassen, dass die Terroristen an Bord ihren Plan umsetzen, sie über einem vollbesetzten Fußballstadion zum Absturz zu bringen. Diese Entscheidung kann bei den meisten der Aufführungen, die in eine Stellungnahme des Publikums zu dem dargestellten Dilemma münden, die Mehrheit der Zuschauer hinter sich versammeln (s. dazu den Artikel Ethik & Philosophie auf der Bühne in Ethik & Unterricht 1 / 2016). 

Doch es braucht gar nicht notwendig die großen moralischen Fragen und häufig sehr konstruiert anmutenden Ausnahmesituationen, um mit utilitaristischen Denkfiguren umzugehen. Auch ganz alltägliche Situationen erfordern Entscheidungen, denen ein Nützlichkeits­Kalkül vorausgehen kann. Die Unterrichtsideen hier im Heft bedienen ein großes Spektrum von Entscheidungsszenarien - zum Teil ganz aktuellen und prominenten medialen Formaten entlehnt - und führen ein in Denkfiguren einer wirkmächtigen philosophischen Tradition. 

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Arbeit damit!

Karola Vos